Fuck Burger Records

Liebe Leute, lange habt ihr nichts von uns gehört. Aber jetzt ist es mal wieder so weit, denn es gibt einen aktuellen Anlass, zu dem ich mich melden möchte. 2020 bleibt weiterhin eine riesige, scheinbar nicht enden wollende Shitshow: Klimawandel, Corona, ertrinkende Geflüchtete im Mittelmeer, Polizeigewalt, Tönnies – you name it. Da hätte man ja denken können, wenigstens unsere kleine Musikwelt sei noch in Ordnung. Denkste. Denn am vergangenen Wochenende hat sich herausgestellt, dass Burger Records, ehemals eines meiner Lieblingslabels, ein einziger Haufen Scheiße war.

Was ist passiert?

Vermutlich habt ihr es eh schon längst mitbekommen, aber das Label, der Plattenladen in Fullerton, Kalifornien, Mitarbeiter und Bands haben praktisch seit Gründung ein Umfeld erschaffen, in dem Frauen und vor allem junge Mädchen sexuell genötigt, missbraucht und zum Teil auch vergewaltigt wurden. Seit dem vergangenen Wochenende sammelt und postet der Instagram-Kanal „Lured By Burger Records“ Erlebnisse von Opfern – und es werden fast stündlich mehr.

Nach einem kläglichen Versuch am Montag, das ganze Desaster mit einem schäbigen Statement, einer Neustrukturierung, Umbenennung und Einsetzung einer weiblichen Label-Präsidentin (die schon vorher dort tätig war, also möglicherweise auch die Augen zu gemacht hat) noch zu retten, sind das Label, der Laden sowie sämtliche damit in Verbindung stehenden Social-Media-Kanäle nun hoffentlich für immer geschlossen.

Die Nachrichten haben mich zutiefst getroffen und enttäuscht. Unsere Solidarität (ich spreche einfach mal für Malte mit) gilt dabei all den Missbrauchsopfern da draußen. Was die sogenannten Labelbetreiber, Musiker und Szenegänger getrieben haben und vielleicht immer noch treiben, ist ekelerregend. Derartiges Verhalten ist vollkommen inakzeptabel und gehört vor Gericht. Dennoch werden die Probleme Sexismus, Machtmissbrauch, Patriarchat und toxische Männlichkeit auch im Jahr 2020 immer noch viel zu häufig heruntergespielt.

Wer ist schuldig?

Kurz gesagt: alle. Das Label selbst, insbesondere Ex-Präsident Lee Rickards, aber auch und vor allem Bands wie The Growlers, The Buttertones, The Black Lips, SWMRS, Love Cop, Part Time, Together Pangea, Gap Dream, Dead Ghosts, Audacity, Tomorrows Tulips, Cosmonauts, Magic Jake (u.a. King Tuffs Band), The Abigails, Unkle Funkle (White Fang).

Es ist bezeichnend, das insbesondere die beiden großen Namen aus dieser Riege, nämlich die Growlers und die Black Lips, sich jetzt in Schadensbegrenzung versuchen, indem sie alles in fadenscheinigen Statements abstreiten, einzelne Bandmitglieder rauswerfen oder noch besser – im Falle der Black Lips – nichts tun, außer ihren Instagram-Account auf privat zu schalten.

Als Musikblog, der vor etwa zweieinhalb Jahren angetreten ist, bestimmte Nischengenres wie Garage Rock, Punk und Doom Metal miteinander zu verbinden, haben wir Burger Records und Bands wie Black Lips, Together Pangea, Dead Ghosts, Audacity und White Fang eine Plattform geboten. Ich würde sogar soweit gehen, dass Burger Records mit konstituierend für Schrammel Brothers war. Als Fans, Konzertbesucher und zahlende Kunden haben wir das Label, die Bands und Veranstaltungen wir Burgermania oder Burger Invasion jahrelang unterstützt, wenn wir vielleicht hätten genauer hinschauen müssen.

Für mich stellte Burger Records fast schon eine Utopie dar. Immerhin hatten es zwei ahnungslose Loser geschafft, praktisch aus dem Nichts ein erfolgreiches Musiklabel, einen laufenden Plattenladen im teuren Kalifornien und eine ganze Szene aufzubauen. Das Label und viele der Bands haben über Jahre hinweg eine Ästhetik, ja einen Lifestyle mit Rock’n’Roll im Zentrum geprägt. Dass dies für Outsider-Kids in Südkalifornien, die mit Drake und Taylor Swift nichts am Hut haben, attraktiv war, ist logisch. Nur leider passen Sex, Drugs und Alkohol nicht zur offensichtlichen Zieldemografik von 15-20-Jährigen. Von erwachsenen Männern, die sich offenbar jahrelang schuldig gemacht haben, hätte man erwarten können, dies zu erkennen. Umso angewiderter bin ich nun von allen Beteiligten, dass sie das Vertrauen ihrer Fans, für die sie diese Welt ursprünglich geschaffen haben (!), dermaßen missbraucht haben.

Was jetzt?

Am Ende bleibt die Frage: Wann hört es auf? Wie viele Mädchen und Frauen oder Mitglieder von Minderheiten muss es noch geben, die für ihr Leben geschädigt sind? Bislang wurden nur wenige prominente Fälle wie die von Ryan Adams oder Jesse Lacey von Brand New aufgedeckt. Doch wer realistisch ist, muss einsehen, dass es im Musikbusiness noch viel mehr männliche Triebtäter gibt, die Machtpositionen ausnutzen und immer wieder damit durchkommen. Dieses Mal sind die Schweine Leute, die mir bis vor Kurzem näher am Herzen lagen. Zu erkennen, dass Missbrauch aller Arten in sämtlichen Szenen vorkommt, tut weh. Wir alle müssen mehr dagegen tun.